Erfolgreiches Lernen
hängt nicht nur von guten Rahmenbedingungen ab,
sondern auch davon, welche Einstellung Schüler
zum Lernen haben.
Die 15-Jährigen, die
an PISA teilgenommen haben, wurden auch gefragt,
ob und welche Strategien sie beim Lernen nutzen,
wie hoch ihre Motivation und ihr Selbstvertrauen
beim Wissenserwerb sind und ob sie eher
kooperative oder wettbewerbsorientierte
Lernformen bevorzugen.
Die Daten belegen, dass Schüler
bessere schulische Leistungen erzielen, wenn sie
motiviert sind, über effektive Lernstrategien
verfügen und sich selber auch zutrauen, ihr
Lernen zu steuern. Um solche Einstellungen und
Techniken in Zukunft stärker zu fördern,
müssen Schulen nicht nur Unterrichtsinhalte,
sondern auch das "Wie des Lernens"
vermitteln. Schüler brauchen reichhaltige
Erfahrungen mit dem Lernen, um zu begreifen, wie
sie am besten lernen, welche Methoden effektiv
sind und wie sie Verantwortung für ihr eigenes
Lernen übernehmen können. Erst wenn sie diese
Lernkompetenz entwickelt haben, werden sie auch
nach der Schulzeit selbständig weiterlernen und
den Anforderungen des Berufslebens gewachsen
sein. Nach ihren eigenen Angaben zum
Lernen lassen sich die Schüler vier
verschiedenen Lernergruppen zuordnen. Die Gruppe
der lernstärksten Schüler zeichnet sich sowohl
durch häufigen Einsatz von effektiven
Lerntechniken und -strategien aus als auch durch
Einstellungen und Überzeugungen, die das Lernen
fördern. Diese Schüler verwenden vorrangig
Strategien, die auf das Verstehen und
Durchdringen des Gelernten abzielen und die als
Elaborations- und Kontrollstrategien bezeichnet
werden. Außerdem trauen sich diese Schülerinnen
und Schüler auch zu, schwierige Lernziele zu
erreichen (Selbstwirksamkeit) und sind bereit,
Anstrengung und Ausdauer in ihre eigenes Lernen
zu investieren. Schüler aus dieser Gruppe der
stärksten Lerner schneiden auf der PISA Skala im
Schnitt 63 Punkte oder rund eine Kompetenzstufe
besser ab als die Schüler aus der Gruppe der
'lernschwachen Schüler'.
Dieser
positive Zusammenhang zwischen den Lernmethoden,
der Motivation und dem Selbstvertrauen der
Schüler auf der einen, und der schulischen
Leistung der Schüler auf der anderen Seite
findet sich in allen an der Studie beteiligten
Ländern. Ein weiteres gemeinsames Merkmal aller
Länder ist jedoch auch, dass es an allen Schulen
eine Reihe von Schülern gibt, deren Lernzugänge
als verbesserungswürdig zu bezeichnen sind:
Diese Schüler weisen ein geringes
Selbstvertrauen auf, sind kaum motiviert und
verfügen über wenig effektive Lernstrategien.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass gerade
diese Gruppe der lernschwachen Schüler besonders
stark davon profitieren würde, wenn ihnen die
Schule Hilfestellung beim selbstgesteuerten
Lernen geben würde. Denn die Leistungszuwächse
zwischen der Gruppe von Lernern, die sehr selten
Gebrauch von Kontrollstrategien macht und der
Gruppe von Lernern, die diese regulativen
Strategien wenigstens manchmal anwenden, sind
besonders hoch.
In
allen Ländern haben Schüler eine positivere
Sicht ihrer eigenen Fähigkeiten im Lesen als in
Mathematik. Trotz dieser Gemeinsamkeiten finden
sich aber auch deutliche Unterschiede zwischen
den Teilnehmerstaaten: Dänische Schüler haben
das höchste und koreanische Schüler das
geringste Vertrauen in ihre akademischen
Fähigkeiten, sowohl was die Lesekompetenz als
auch die Mathematik betrifft. Die Mittelwerte im
Selbstvertrauen sind zwar in den Ländern
verschieden hoch, was auch kulturell bedingt sein
mag, aber auf der individuellen Ebene zeigen sich
dennoch die gleichen Zusammenhänge: In Korea wie
in Dänemark schneiden Schüler, die sich etwas
zutrauen, besser ab, als solche mit weniger
Selbstvertrauen.
Geschlechtsunterschiede,
der Einfluss der Familie und der
Migrationshintergrund schlagen sich oft auch in
unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und
Einstellungen zum Lernen nieder:
- Obwohl Jungen schlechter
beim Lesen abschneiden, haben sie
insgesamt einige Lernvorteile: sie
vertrauen zum Beispiel eher als Mädchen
darauf, dass sie Lernaufgaben erfolgreich
bewältigen. Andererseits halten Mädchen
mehr von ihren Lesefähigkeiten und haben
größeres Interesse am Lesen.
- Schüler aus sozial
begünstigten Schichten lernen auch
besser. Sie glauben insbesondere eher
daran, dass sie Erfolg haben werden,
verwenden häufiger effektive
Lernstrategien und sind interessierter am
Lesen. Der in PISA gezeigte
Leistungsvorteil von Schülern aus sozial
bessergestellten Familien lässt sich
dabei zu einem erheblichen Anteil darauf
zurückführen, dass diese Schüler über
bessere Lernvoraussetzungen im Sinne von
Motivation, Lernstrategien und
Selbstvertrauen verfügen.
- Schüler aus
Einwandererfamilien, deren Leseleistung
in den meisten Ländern wesentlich
schwächer als die der Einheimischen ist,
verfügen nicht generell über
schlechtere Lernvoraussetzungen. In der
Mehrzahl der Länder sind ihre
Herangehensweisen ähnlich wie die der
einheimischen Schüler und in einigen
Ländern, wie Australien und Neuseeland,
weisen Migranten sogar bessere
Lernvoraussetzungen auf. In Deutschland
verwenden Migranten in der Regel weniger
Elaborationsstrategien und trauen sich im
Fach Deutsch weniger zu. Ihr Interesse an
Mathematik ist jedoch stärker
ausgeprägt als das ihrer deutschen
Mitschüler.
Insgesamt
zeigte die Studie, dass die Lerneinstellungen
einen überraschend starken Einfluss auf die
Lesekompetenz haben. Rund ein Fünftel der
Leistungsunterschiede in der Lesekompetenz der
Schüler lässt sich auf ihre unterschiedlichen
Lernvoraussetzungen im Sinne von Strategien,
Motivation und leistungsbezogenem Selbstvertrauen
zurückführen.
Wenn
man aus diesem Ergebnis eine Konsequenz ziehen
will, dann sollte das "Wie des Lernens"
stärker zum Unterrichtsgegenstand werden. Lehrer
könnten ihre Schüler dabei unterstützen, ein
Repertoire an effektiven Lernstrategien
aufzubauen und ihnen auch helfen, Zuversicht und
Interesse zu entwickeln. Solche pädagogischen
Unterstützungsprozesse sollten auch ein
zentrales Element der Lehrerausbildung sein. (OECD PISA
Deutschland über Learners for Life: Thematischer
Bericht der OECD zu PISA 2000) ...zurück...
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